Patrick Horvath

 

Zur Identitätsbildung Jugendlicher durch die neuen Medien

 

 

1.) Welche Medien nutzen Jugendliche? In welcher Medienumwelt lebt die Jugend?

 

Man kann davon ausgehen, dass Medien im Alltag Jugendlicher eine dominante Rolle spielen.1 Dabei zeigt sich, dass die Medienumwelten, in denen die Jugendlichen leben, immer komplexer werden. Verschiedene Print- und audiovisuelle Medien gehören im privaten Bereich mittlerweile zur selbstverständlichen Alltagsausstattung und haben auch große Bedeutung für ihre Identitätsbildung. Die Allgegenwart der Medien und die Mediatisierung der Gesellschaft haben also auch nicht vor den Türen der Kinder- und Jugendzimmer haltgemacht.2

 

Viele Jugendliche besitzen eine medienparkähnliche Ausstattung und konsumieren im Rahmen eines reichhaltigen Medienspektrums. Wie in allen Bevölkerungsgruppen erfreut sich das Fernsehen auch unter ihnen einer besonderen Beliebtheit und Bedeutung. Dabei sind v.a. zwei Entwicklungen zu beobachten: Einerseits die Veränderung des Fernsehens zum „Nebenbei-Medium“, andererseits die immer größere Beliebtheit kommerzieller, aber insbesondere Musiksender (v.a. MTV und VIVA).3

 

Während Tageszeitungen, Zeitschriften und Illustrierte über eine hohe Reichweite unter Jugendlichen verfügen, ist doch die Bedeutung auf Grund des für sie verwendeten geringen Zeitbudgets niedrig. Wesentlich wichtiger sind auditive Medien aller Art, z.B. Radio, CD etc. Musik spielt eine zentrale Rolle und v.a. das Radio wird hauptsächlich zum Musikhören genutzt.4 Die Nutzung auditiver Medien übertrifft auch die Fernsehnutzung.

 

Eine wichtige Entwicklung ist ferner die steigende Bedeutung der Computermedien (PC, Spielkonsolen etc.). Der Computer wird hauptsächlich zum Spielen verwendet. Internet-Surfen ist ganz besonders „in“.5

 

Wichtig für die Jugendlichen ist auch die Verwendung des Walkman. Dieses Medium scheint besonders die Individualität des Menschen zu fördern; vermag man mit seiner Hilfe doch prinzipiell jeden Ort zum individuellen, ich-bezogenen Medienort zu verwandeln. Weitere häufig genutzte Medienorte sind das Kino bzw. Kinocenter und die Diskothek.6 Im Gegensatz zu vielen Älteren haben Jugendliche meist keine Berührungsängste mit neuen Techniken und Medien.

 

Jugendliche leben also in pluralen Medienwelten, sind also nicht auf Fernsehen allein fixiert. Jugendliche nutzen diese vielen Medien oft auch gleichzeitig; gesucht werden Reizintensität, Nervenkitzel, Glücks- und Genussmomente, entstehend aus dem schrillen Wechsel des „Switchens“.7 Ein solches Rezeptionsverhalten erscheint freilich als das blanke Gegenprogramm zum traditionellen Wert des geduldig Abwarten-Könnens und der geduldigen, gelassenen Lebensplanung. Die Lebenstugenden haben sich eben verändert. Das Lebensgefühl des „live fast, die young“ wird immer wichtiger. Angesichts des allgegenwärtigen Todes durch Drogen oder AIDS wird der erlebnisintensive „Kick“, die ekstasenhafte Feier des Augenblicks gesucht.8

 

Jugend ist zunehmend auch Werbejugend. Die Werbung ist ein wesentlicher Teil der jugendlichen Medienumwelt – nicht zuletzt wird die Jugend von der Wirtschaft auch mit Werbung überflutet, stellt sie doch eine interessante und immer kaufkräftigere Zielgruppe dar. Werbung ist in der Regel auch nicht unbeliebt. Man kann davon ausgehen, dass Jugendliche in der Regel äußerst „werbekompetent“, also durchaus in der Lage sind, individuell und souverän mit der Fülle der Angebote umzugehen und eine aktive Auseinandersetzung zu führen.9

 

Freilich interessiert Jugendliche an der Werbung nicht so sehr das beworbene Produkt. Eine große Wirkung auf die Identitätsbildung jugendlicher Rezipienten hat vielmehr der mit dem Produkt verknüpfte Lebensstil. Dies ist ja auch ein Ziel der Wirtschaft: nämlich das Produkt mit einem bestimmten Lebensgefühl „aufzuladen“.

 

2.) Musik als heimliches „Leitmedium“ der Jugend

 

Man kann davon ausgehen, dass moderne Musik das heimliche „Leitmedium“ der Jugend ist. Nicht nur werden die auditiven Medien von allen am meisten genutzt und dabei meistens zum Hören von Musik verwendet, sondern auch im Rahmen der visuellen Medien (wie Fernsehen) sind es Musiksender wie VIVA und MTV, die sich steigender Beliebtheit erfreuen. Musik, Musikvideos, Konzerte etc. dienen heute als identitätsstiftende Instanzen für weite Kreise Jugendlicher.

 

Jugendliche Musik ist oft eine Art „Gegenkultur“. Provokation und Selbstausdruck spielen eine Rolle.10 Musik, die oftmals in Gleichaltrigengruppen rezipiert wird, bekommt die Bedeutung eines neuen Sozialisationsfaktors, der Erziehungsfunktionen übernimmt und hinter dem das Elternhaus zunehmend zurücktritt. Die Frage nach der eigenen Identität oder nach der Weltanschauung wird heute oftmals nicht mehr im Rahmen der Kernfamilie oder der Schule gestellt, sondern unter Einbeziehung anderer Instanzen.

 

Jochen Hörisch bezeichnet die Rockmusik als „unwiderstehliche Glaubenspropaganda der westlichen Zivilisation“ an der Schwelle zwischen Kult und Markt. Er nennt Elvis eine moderne religiöse Ikone, Hendrix und Cobain zeitgemäße Märtyrer und Graceland oder Neverland Weihe- und Pilgerstätten des 21.Jahrhunderts.11 Musik schafft Mythen in der sonst so durchrationalisierten Welt. Wird Musik so Ersatzreligion der Jugend?

 

Nicht nur die Musik, auch der Text der Rock- und Poplieder kann die jugendliche Situation thematisieren. Dabei geht es weniger um kritisch-argumentative Reflexion, sondern eher um emotionale Auseinandersetzungen, um Verständigung über den eigenen Lebensinhalt. Die kurzen Sätze, die wie zusammenhanglose Gedanken wirken, sind respektlos, provozierend und frech. Mit Musik kann Konsens über jugendliche Stimmungen und Erfahrungen hergestellt werden.

 

Wichtig für die Identitätsbildung ist oft auch die Person des Pop- und Rockstars; er hat es in den Augen der Jugendlichen durch Genie, Arbeit und Glück geschafft, eine Position zu erreichen, in der er sich vollkommen selbst verwirklichen kann. Die Stars sind Identifikationsobjekte und damit Hilfen bei der Suche nach der eigenen Identität.12

 

3.) Das „Verschwinden der Kindheit“ (Postman)

 

Der amerikanische Medientheoretiker Neil Postman meint in unserer Gesellschaft ein „Verschwinden der Kindheit“ diagnostizieren zu können. Er beobachtet z.B., dass die Unterscheidung zwischen Kind und Erwachsenem hinsichtlich der Kriminalität – sowohl hinsichtlich der Täter als auch der Opfer – immer mehr verschwindet. Es gibt heute kaum mehr ein Verbrechen, das man früher den Erwachsenen vorbehalten glaubte, das nicht auch von immer mehr Kindern begangen wird (entsprechend wird in den USA das Jugendstrafrecht zunehmend ausgehöhlt).13

 

Auch das Sexualverhalten Jugendlicher gleicht sich nach Postman dem der Erwachsenen an. So ist nach Postman die sexuelle Aktivität unter Frauen ab dreizehn in den letzten Jahrzehnten massiv gestiegen. Beim Konsum von Alkohol und Drogen gibt es zwischen Jugendlichen und Erwachsenen ohnehin kaum mehr nennenswerte Unterschiede.14 Dazu kommt: Die Modebranche setzt Kinder (etwa dreizehnjährige Mädchen) als attraktive Models ein und leistet damit auch der sexuellen Ausbeutung der Kinder Vorschub.15 Auch in den Bereich des Spitzensports dringen Kinder immer häufiger vor – dort werden von ihnen zunehmend „erwachsene“ Leistungen und erwachsenes Benehmen verlangt (Disziplin, starre Regeln, eisernes Training etc.).16

 

Das Verschwinden der Generationengrenze bedeutet nach Postman nicht nur, dass die Kinder den Erwachsenen ähnlicher werden, sondern auch diese den Kindern. So taucht nach Postman überall in der Gesellschaft (v.a. im Fernsehprogramm) neben dem Erwachsenen-Kind auch der Kind-Erwachsene auf, z.B. in Quizsendungen. Solche Sendungen sind für Postman eine Parodie auf das Klassenzimmer  - kindliche Bewerber werden für Altklugheit belohnt und sind ansonsten den Demütigungen des Schulkindes ausgesetzt.17 Die übrigen Erwachsenen, die in den Fernsehsendungen gezeigt werden, ähneln auch in vielfacher Weise Kindern. Sie gehen keiner geregelten Arbeit nach, kümmern sich nicht um Politik, praktizieren keine Religion und repräsentieren keine Tradition. Sie planen nicht vorausschauend und bewegen sich auf dem intellektuellen Niveau eines Achtjährigen.18

 

Wodurch erklärt sich nach Postman dieses „Verschwinden der Kindheit“? Seiner Meinung nach ist „Kindheit“ und „kindliches Verhalten“ keine biologische Notwendigkeit, sondern ein Produkt von Kultur und Gesellschaft.19 Er bemüht sich um den aufwändigen historischen Nachweis, dass die Vorstellung von einem qualitativen Unterschied zwischen Kind und Erwachsenem dem Mittelalter vollkommen fremd war.20 Man betrachtete Kinder als kleine Erwachsene. Die Idee, dass Kinder eines besonderen Schutzes bedürften, war dem Mittelalter ebenfalls fremd. Erst die Neuzeit brachte hier nach Postman Veränderungen. Vor allem die Verbreitung der Fähigkeiten des Lesens und Schreibens schuf ein Bewusstsein, dass Kindheit und Erwachsenenalter sich qualitativ voneinander unterscheiden. Das hat vor allem mit eben dieser Fähigkeit zu tun, die man erst mühsam auf dem Weg zum Erwachsenenalter erwerben musste. Außerdem entstanden Tabus (etwa um die Sexualität) zum „Schutz“ der Kinder.

 

Nun werden diese beiden Punkte durch die neuen Medien immer mehr relativiert. Die Kulturtechnik des Lesens und Schreibens verliert, sagt Postman, auf Grund des Fernsehens an Bedeutung – und um intellektuell an die Welt des Fernsehens Anschluss zu finden, bedarf es nicht viel. Während Lesen und Schreiben als Kulturtechnik einen Unterschied zwischen Kind und Erwachsenem schafft, heben neue Informationsmedien diesen auf. Und: Das Fernsehen bewahrt auch keine Tabus und Geheimnisse, sondern konfrontiert Kinder und Jugendliche tagtäglich mit Homosexualität, Sadomasochismus, Inzest etc., die in keiner Talkshow fehlen dürfen. Ohne Geheimnisse gibt es aber keine Kindheit mehr. So ist das Fernsehen nach Postman also ein Zerstörer der Kindheit.

 

Meine Kritik an Postman ist folgende: Seine Ansätze sind bewahrpädagogisch ausgerichtet und laufen auf eine Dämonisierung des Fernsehens hinaus. In der Geschichte tritt diese Tendenz immer wieder auf; kaum ist ein neues Medium entwickelt, ist jemand zur Stelle, der es verteufelt (Platon polemisiert in „Phaidros“ z.B. gegen den angeblich zerstörerischen Einfluss der Schrift). Was Postman auf jeden Fall übersieht, ist: Kinder und Jugendliche müssen nicht nur mit dem „primitiven“ Fernsehen umgehen lernen, sondern auch mit anderen Medien (wie z.B. Internet), die ihnen sehr wohl Kompetenz abverlangen. Dennoch erscheint es mir plausibel, davon auszugehen, dass die neuen Medien ein „Verschwimmen der traditionellen Generationsgrenzen“21 bewirken, was wiederum Auswirkungen auf die Identitätsbildung von Kindern und Jugendlichen haben kann.

 

4.) Die „Patchwork-Identität“ (Ferchhoff)

 

Nach Ferchhoff wird der Begriff der Identität zunehmend problematisch, zumal das, was Identität ist, sich längst nicht mehr eindeutig bestimmen lässt und keinen konsistenten Wesenskern im Sinne eines stabilen Sinn-Mittelpunktes hat.22 Man beobachtet, dass Jugendliche mit ihrer Identität experimentieren; sie nehmen Stilelemente aus Filmen, Werbesendungen, Video-Clips, Computerspielen in ihre Persönlichkeit auf. Es entsteht eine Form von „Identitätspluralität“ – die einzelnen übernommenen, nicht selten völlig heterogenen „Identitätsteile“, die nur begrenzt verbindlich sind, werden lose miteinander verknüpft wie ein „Fleckerlteppich“; diese neue Form von Identität nennt Ferchhoff entsprechend „Patchwork-Identität“.

 

Der Begriff der „Heimat“ löst sich überhaupt auch immer mehr auf; traditionelle Heimat hört auf, ein Teil der Identität zu sein. Denn immer mehr übernehmen medial vermittelte Gemeinschaften (von der Fangemeinde eines Popstars bis zur Newsgroup im Internet) sinnstiftenden Charakter für die Menschen. Der Prozess der Identitätsbildung dauert länger (er ist keinesfalls mit der Großjährigkeit abgeschlossen), wird komplizierter, Identität ist zunehmend unklar, alte Traditionen gehen verloren. Aber in Ablehnung einer einseitigen Medien-Apokalyptik sollte man auch die Chancen dieser Entwicklung sehen: In alten Zeiten wurde uns ganz klar vorgegeben, was unsere Identität zu sein hat, heute wählen wir. Der Verlust von Sicherheit wird so betrachtet zu einem Mehr an individueller Freiheit.

 

 

Literatur:

 

Wilfried Ferchhoff: Identitätsbildung im Umgang mit neuen Medien. Referat bei der Fachtagung zu Praxis und Theorie der Computermedienpädagogik im Studienzentrum Josefstal 1999. Im Internet: http://www.josefstal.de/mac/texte/ferchhoff.htm (Stand Juni 2000).

 

Jochen Hörisch (Hg.): Mediengenerationen. Frankfurt am Main 1997.

 

Jürgen Hüther, Bernd Schorb, Christine Brehm-Klotz (Hg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. München 1997.

 

Neil Postman: Das Verschwinden der Kindheit. Frankfurt am Main, 1997.

 

Christa Zöller: Jugend zwischen Traumwelt und Protest. In: Hermann-Josef Beckers, Hubert Kohle: Kulte, Sekten, Religionen. Frankfurt 1994.

 

 

Der Autor: Patrick Horvath, geboren 1977 in Linz. Magister der Philosophie und Politikwissenschaft, Universität Wien. Diplomand am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft ebenda.

Adresse: Dr.Patrick Horvath, Florianigasse 46, 1080 Wien, patrick.horvath@telering.at

 

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1 Vgl. auch Hüther u.a., Grundbegriffe, S.163.

2 Ferchhoff, Identitätsbildung im Umgang mit neuen Medien, S.3.

3 Hüther u.a., Grundbegriffe, S.164.

4 Ebd., S.165.

5 Ebd.

6 Ferchhoff, Identitätsbildung im Umgang mit neuen Medien, S.4.

7 Ebd., S.5.

8 Ebd., S.7.

9 Ebs., S.8.

10 Hüther, Grundbegriffe, S.289.

11 Hörisch, Mediengenerationen, S.73f.

12 Zöller, Jugend zwischen Traumwelt und Protest, S.154.

13 Postman, Das Verschwinden der Kindheit, S.152f.

14 Ebd., S.155.

15 Ebd., S.141.

16 Ebd., S.148.

17 Ebd., S.145.

18 Ebd., S.144.

19 Ebd., S.7 und S.161.

20 Ebd., S.24f.

21 Ferchhoff, Identitätsbildung im Umgang mit neuen Medien, S.5.

22 Ebd., S.8.