Linz -

das Bild zur Europäischen Kulturhauptstadt 2009

In seinem im Führerbunker verfassten Testament schrieb Adolf Hitler: „Ich habe meine Gemälde in den von mir im Laufe der Jahre angekauften Sammlungen niemals für private Zwecke, sondern stets nur für den Ausbau einer Galerie in meiner Heimatstadt Linz a. d. Donau gesammelt.“ Er sah Linz also als seine "Heimatstadt" an - und er wollte sie zu einer Art Kulturhauptstadt machen. Diese Stadt, in der am 13. März 1938 der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich vollzogen wurde, die „Gründungsstadt des Großdeutschen Reiches“. Und Adolf Hitler machte Linz auch zur einzigen österreichischen „Führerstadt“.

„Aktionen gegen Juden, Gestapo-Verfolgung, Denunziationen, Zwangssterilisierungen, Gesinnungsdruck. Die ‚Patenstadt des Führers’ sollte im Herzeigen einer wahrhaft nationalsozialistischen Gesinnung stets Vorbild sein“ (F. Mayrhofer und W. Schuster in „Bilder des Nationalsozialismus in Linz“, herausgegeben vom Archiv der Stadt Linz 2007). - Ein schweres Erbe für einen Ort, der im Jahr 2009 nun tatsächlich zur Europäischen Kulturhauptstadt wird. 

In der Nachkriegszeit war Linz als Industriestadt mit höchster Luftverschmutzung berüchtigt, eine Stadt, in der es „vor 25 Jahren noch Ruß herabgeschneit hat“ (Linz09-Intendant Martin Heller). Und laut dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ ist Linz gar „der Arsch der Welt: Chemie, Langeweile, Drogen.. (...) die Ghetto-Stadt Österreichs, das Härteste, was Österreich zu bieten hat“ (Wolfgang Höbel, 2005). „In Linz geboren – allein das ein fürchterlicher Gedanke“ schreibt Thomas Bernhard in „Heldenplatz“ und Ingeborg Bachmann meint: „Nie war ich in Linz, ich bin immer durchgefahren“.

„Identität und Image einer Stadt hängen wesentlich damit zusammen, ob und wie sich diese selbst den dunklen Seiten ihrer Vergangenheit stellt“ schreiben Bürgermeister Dr. Franz Dobusch und Kulturreferent Dr. Erich Watzl im oben bereits erwähnten Buch „Bilder des Nationalsozialismus in Linz“. Bei einer Stadt, die 2009 den Anspruch stellt, Kulturhauptstadt Europas zu sein, und die gleichzeitig auf eine solch ausgesprochen wechselhafte Geschichte zurückblickt, wird dies besonders schwierig.

Verglichen mit anderen Metropolen gibt es zudem nur eine geringe kulturelle Tradition und die kulturellen Bemühungen bewegen sich häufig auf einem dilettantischen Niveau. „Linz befindet sich im Wandel zu einer postindustriellen Stadt“ und „in Linz herrscht eine sehr offene und unvoreingenommene Stimmung.“, schreibt derStandard online dennoch.

Die wesentliche Frage ist und bleibt aber trotzdem: Ist das unselige Gedankengut der Vergangenheit wirklich überholt, für immer begraben, oder doch nur oberflächlich zugedeckt? Und zur Beantwortung dieser Frage lohnt sich das Nachdenken. Nachdenken über Geschichte ist nämlich Kultur, keine Anklage. Und das „über sich Hinausschauen“ kann zu einem „über sich Hinauswachsen“ im besten Sinn führen. – Linz hat dies bitter nötig.

Das Bild „Linz – Europäische Kulturhauptstadt 2009“ von Werner Horvath soll ein Beitrag dazu sein.

Linz - Europäische Kulturhauptstadt 2009

Werner Horvath: "Linz - Europäische Kulturhauptstadt 2009", Öl auf Leinwand, 2 x 2 m, 2008.

Das Gemälde ist aus einzelnen übereinander liegenden Schichten aufgebaut, die wie bei einer archäologischen Ausgrabung einen zeitlichen historischen Ablauf symbolisieren. Sinngemäß muss man das Bild daher von unten nach oben lesen. In der untersten Schicht findet man Totenköpfe. Eine Deutung könnte daher sein: Die Stadt besitzt eine ausgedehnte Früh- und Vorgeschichte, die auf diese Weise ausgedrückt werden soll. Kriege der Vergangenheit, natürliches Ableben, Seuchen, Pest und Tod. Das Kollektiv der „Ahnen“, auf welche die Stadt aufbaut, blickt sozusagen zu uns herauf.

Doch die jüngste Vergangenheit ist noch immer so stark wirksam, dass wohl kaum einem heutigen Betrachter diese Deutung zu vermitteln ist. Der Tod – insbesonders der gewaltsame Tod – ist verknüpft mit Zeitgeschichte, ist verknüpft mit den Folgen des Nazitums. Da liegen sie, die Opfer dieses Regimes, wer immer sie auch sein mögen: Juden, Sinti und Roma, Nonkonformisten und Kriegsdienstverweigerer, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, sowie letztlich auch andere Opfer des Krieges: Zwangsverpflichtete, Gezwungene, Zivilisten, Frauen und Kinder.

Wir sind ihnen verantwortlich.

Detail aus „Linz – Europäische Kulturhauptstadt 2009“: Unterste Schicht.

Die zweite Schicht des Bildes beschäftigt sich mit eben dieser Ära des Nationalsozialismus, einer Zeit bzw. Richtung, die in Linz besonders viele Spuren hinterlassen hat. Unglaubliches und Erschreckendes kommt zu Tage: Ein mit Hakenkreuzen, Fahnen und Inschriften bestückter „Adolf-Hitler-Platz“ - der heutige Hauptplatz - stärkt dem „Führer“ den Rücken (Bild nach einem Foto aus dem April 1938, der Zeit der „Volksabstimmung“ über den de facto bereits vollzogenen Anschluss).

Linz - altes Rathaus

Detail aus „Linz – Europäische Kulturhauptstadt 2009“, 2. Schicht: Rathaus 1938

Das Bild Adolf Hitlers war allgegenwärtig: in Amtsgebäuden, Wahllokalen und sogar auf dem „Urfahraner Jahrmarkt“. Es war ein besonders heldenhaftes Abbild, das in Linz populär war, und daran angelehnt ist auch die Darstellung auf dem aktuellen Linz-Gemälde von Werner Horvath: in Blau, als Sinnbild für Vergangenes und Verdrängtes, bestückt mit zahlreichen verzerrten Symbolen dieser Zeit.

Es scheint zunächst, dass es kam, wie es kommen musste: Schon bald nach dem Einsatz gebündelter Propaganda ging in der „Reichskristallnacht“ vom 9. zum 10. November 1938 die Linzer Synagoge in der Bethlehemstraße in Flammen auf. Doch allen Erklärungen zum Trotz: Muss jemand wirklich in vorauseilendem Gehorsam einen Brandsatz werfen? Gibt es nicht auch Eigenverantwortlichkeit? - Die Tat ist nicht zu entschuldigen, ebenso wenig wie die stille Zustimmung der damaligen Linzer.

Linz - die brennende Synagoge

Detail aus der 2. Schicht: die brennende Synagoge.

Man findet auch heute noch so manches architektonisches Relikt aus der Hitlerzeit in Linz. Einige davon - z.B. Finanzgebäude Ost und West - werden sogar noch effektvoll durch Beleuchtung in Szene gesetzt. Die von Hitler gewünschten Figuren auf der Donaubrücke – Siegfried und Kriemhild, sowie Gunther und Brunhild – wurden aber niemals endgültig ausgeführt. Einige Zeit waren aber Entwürfe bzw. Attrappen aufgestellt, um die Größenverhältnisse zu testen.

Linz - the Castle

Detail aus der 2. Schicht: Siegfriedstatue vor dem Linzer Schloss.

Aber es gibt auch noch die oberste Schicht im Bild, und diese repräsentiert die heutige Stadt, genauer gesagt die rosige Seite von Linz. Entsprechend ist dieser Teil auch aufgebaut, nämlich hauptsächlich aus den besagten Blumen. Der Zwerg und der Froschkönig, zwei wohlbekannte Grottenbahnfiguren, stehen für ein heiteres, lebensbejahendes, fantasievolles und kinderfreundliches Linz. Die Wallfahrtskirche im Hintergrund ist nicht nur ein Wahrzeichen der Stadt, sondern wohl auch ein Symbol für Glauben bzw. moderner gesagt für Ethik. Auch die Existenz des sog. „Rosengartens“, ein Kulturzentrum am Pöstlingberg während der Sommermonate, kommt so ins Spiel.

Grottenbahn in Linz

Detail aus „Linz – Europäische Kulturhauptstadt 2009“, 3. Schicht: Pöstlingberg.

Ein Teppich aus Rosen liegt so über der Vergangenheit, verdeckt sie, begräbt sie hoffentlich für immer. An manchen Stellen ist er noch bedenklich dünn. Und da ist noch immer der Hauptplatz mit dem alten Rathaus und der Dreifaltigkeitssäule, doch im Gegensatz zu 1938 ideologisch propagandafrei. Aber immerhin bleibt ein Wermutstropfen: Ist es wirklich Zufall, dass die ultrarechte FPÖ unter H.C. Strache gerade hier, am ehemaligen „Adolf-Hitler-Platz“, regelmäßig ihre Veranstaltungen abhält, etwa die Auftaktsfeier zum Wahlkampf 2008?

Wie wird es weitergehen? Der Himmel über dem Szenario deutet die Zukunft an – Technik, Satelliten, Netzwerke, Kommunikation. Die Stadt wird sich auch dieser Herausforderung stellen müssen, will sie nicht so bleiben, wie Linz09-Intendant Martin Heller sie sieht: "Linz ist Provinz"...

Linzer Hauptplatz

Detail aus der 3. Schicht: Linzer Hauptplatz mit altem Rathaus und Dreifaltigkeitssäule


Nachtrag -
Fotos zum Gestaltungsprozess des Bildes

Werner Horvath malt Linz: Links im Januar 2008, dann der Zustand des Bildes Ende Februar mit den ersten Rosen, Anfang April bei der Aufarbeitung der Linzer Geschichte, und im Mai 2008 nähert sich das Bild schließlich seiner Vollendung..

Linz - der Beginn Linz - die rosige SeiteLinz - GeschichteWerner Horvath malt Linz


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